Die, die mit den Kräutern tanzt
Lisetta Loretz Crameri
Das Reich von Lisetta Loretz Crameri ist der rund 30 Quadratmeter grosse Garten mit einem wunderschönen Teich bei ihrem zweistöckigen Holzhaus im aargauischen Brunegg, das sie zusammen mit ihrem Ehemann Bruno bewohnt. Hier wachsen Bärlauch, Nachtkerzen, Lavendel, Beinwell, Zitronenmelisse oder Salbei.
Sie weiss über jedes Kraut etwas zu erzählen. Bärlauch sei gegen Frühlingsmüdigkeit und Eisenmangel, Nachtkerzen für das Immunsystem, die Menopause und für ADS-Kinder, Beinwell für einen Umschlag bei Verstauchungen. Zitronenmelisse hilft bei Menstruationsbeschwerden oder Schlafstörungen. «Und der Lavendel wirkt beruhigend. Oft nützt es gar, wenn man ihn nur anschaut», weiss die Kräuterfrau.
Harz steht für Heimat
Läuft sie durch den nahen Wald, werden bei ihr Kindheitserinnerungen wach: «Wir waren sehr oft im Wald und beim Wandern. Wenn ich Harz rieche, dann fühle ich Heimat in mir. Darum meine Liebe zum Harzbalsam, der wie ein Wunder hilft.» Gelernt hat sie den Umgang mit Harz von ihrem Grossvater, einem «Hölzlidoktor», eine Art Naturheiler: «Verletzt man sich und hat kein Pflaster dabei, sucht man an den Bäumen nach Harz. Schmiert man dieses auf die Wunde, wird diese desinfiziert und das Blut gestillt.» Lisetta Loretz Crameri benutzt das Harz für die Herstellung von Salben, die sich vor allem für verschiedene Arten von Ekzemen eignen, aber auch gut für Rheuma, Husten oder Verspannungen sind.
Kinderreiche Familien
Der Umgang mit Heilkräutern ist ihr in die Wiege gelegt worden. Zusammen mit sieben Geschwistern ist sie im Maderanertal aufgewachsen, am Fusse des pyramidenförmigen Bristenstocks: «Dem schönsten Berg der Welt.» Alle Familien waren kinderreich, so wie auch ihre eigene. Die Urgrossmutter hatte acht Kinder, die Grossmutter gar 16: «Verhüten durfte man hier früher nicht.» Urgrossmutter, Grossmutter und Tante waren Hebammen, kannten sich mit Kräutern aus. Von ihnen lernte sie ebenso viel wie von ihrem Grossvater. Wenn immer möglich hatte man sich mit Hausmitteln und Kräutern geheilt. So gab es in jedem Haushalt eine Ringelblumen- oder Chäslichrutsalbe (Wilde Malve), Johanniskrautöl für Verbrennungen und Rückenschmerzen. Bei Ohrenschmerzen habe man einen Zwiebelwickel umgebunden, bei Fieber Essigsocken gemacht.
Text: Andrea Kobler
